Offenbar hatte sich nicht nur in Tokyo herumgesprochen, dass die Südwestdeutsche Philharmonie zugegen war, sondern in ganz Japan. Das letzte Konzert der Tournee in der Ishikawa Ongakudo Concert Hall in Kanazawa war jedenfalls ausverkauft. 1600 Besucher fasst der Saal. Wenn die Konstanzer das nur sehen könnten - so oder so ähnlich lauteten die Kommentare vieler Musiker. Für das ganze Orchester war dieses Konzert und die gesamte Tournee eine riesige Bestätigung, die nach der katastrophalen Konstanzer Konzerthausabstimmung mehr als gut tut. Dass das Haus in Kanazawa ausverkauft war, dürfte sicherlich auch daran gelegen haben, dass man sowohl den Intendanten der Philharmonie, Florian Riem, hier noch kennt - er hatte, bevor er nach Konstanz kam, das Orchestra Ensemble Kanazawa gemanagt. Und Chefdirigent Vassilis Christopoulos hat hier bereits im Februar dirigiert. Sein Konterfei war denn auch groß auf Plakaten zu sehen (wobei, mit Verlaub gesagt, die Werbeplakate in Japan generell scheußlich aussehen. Merkwürdige Ästhetik…).

Abends im Konzert gab es dann noch ein letztes Mal Mozart, die Pariser Sonfonie.


Danach ging es allerdings ohne Mozart weiter. Nach dem zweiten Violinkonzert von Prokofieff gab es Dvoraks Achte Sinfonie - endlich wieder Musik, wie einige spöttelten. Um das Orchester auf die notwendige Größe zu bringen, wurden einige Gastmusiker aus Japan hinzugenommen. Aber auch zwei Posaunisten der Südwestdeutschen Philharmonie, die in den Mozart-Programmen nicht gebraucht wurden, waren zwischenzeitig in Japan angekommen. Hinten rechts sieht man sie bei der Generalprobe, Gergely Lazok und Werner Enbgelhard.

Nach dem Konzert dann wieder die Autogrammstunde. Dieses Mal mit einer besonders langen Schlange. Sowohl Chefdirigent Christopoulos als auch die Violin-Solistin Sayaka Shoji mussten signieren.
Das Witzigste für uns war aber, dass zu Beginn des Konzerts Informationen auf eine Leinwand projiziert wurden. Darauf war dann ein Bild von Konstanz zu sehen, es folgte eine Deutschlandkarte, auf der man sehen konnte, wo Konstanz liegt.

Und nach dem Konzert dann die wohlverdiente Feier. In einem japanischen Lokal, versteht sich, wo man die Schuhe ausziehen und sich an sehr niedrige Tische hocken muss. Die Stimmung war trotzdem sehr gut, und wie man sich auf japanisch fotografieren lässt, haben die Musiker inzwischen auch gelernt:

Jetzt treten wir gleich die Rückreise an. Erst mit dem Zug nach Ozaka, von dort aus mit dem Flieger wieder über Dubai zurück nach Zürich. Freitag nachmittag sind wir wieder in Konstanz.
In Tokyo hatte ich noch darüber nachgedacht, dass die unübersichtlichen Bahnhöfe dort gewisse Ähnlichkeiten haben mit den unübersichtlichen Temeplanlagen in Japan. Und jetzt das hier:

Das steht vor dem Bahnhof in Kanazawa. Ein Tempeltor. Also doch. Durch dieses werden wir nun gleich die Rückreise antreten. Auf Wiedersehen, Japan!
Text und Bilder: Elisabeth Schwind
Es muss am Wasser gelegen haben. An dem Wasser im Tempel, den wir heute besucht haben. Wir sind derzeit in Kyoto, einer Stadt mit rund 2000 Tempeln und Schreinen, wovon allein 13 Tempel Weltkulturerbe sind. Wenn man nur einen Vormittag zur Verfügung hat, gerät man leicht ins Strudeln. Welcher Tempel muss unbedingt besucht werden? Die Musiker des Orchesters waren sich da uneins. Manche entschieden sich für den berühmten Goldenen Tempel, andere für den Kiyomizu-dera-Tempel, der so wunderschön über der Stadt thront. Dort gibt es einen Wasserquell, aus dem trinkt man, damit alles gut oder sogar noch besser wird. Das taten auch die Musiker der Philharmonie:

Und siehe da: das Konzert abends in der Kyoto Concert Hall war das schönste, entspannteste, gelungenste der ganzen Tournee bisher. Und mit rund 1200 Leuten war es auch wieder gut besucht.

Manche Musiker mutmaßten hinterher allerdings, dass das gar nicht an dem heiligen Wasser gelegen habe, sondern an dem Saal. Eigentlich hat man sich ja schon fast daran gewöhnt, auf dieser Japan-Tournee ausschließlich in tollen Konzertsälen zu sein. Aber dieser hier in Kyoto war wohl noch eine Spur besser als die bisherigen. Jedenfalls klang das Orchester gelöst und das schlug sich in der Musik nieder.

Die Südwestdeutsche Philharmonie probt in der Kyoto Concert Hall.
Ganz besonders habe ich aber heute auf die Kontrabässe geachtet. Denn Alexander Kisch, einer der Kontrabassisten der Philharmonie, hat sich bei mir darüber beklagt, dass in der Zeitung nie etwas über die Kontrabässe stehe. Man könne zwar lesen, wie die Bläser oder die Geigen gespielt hätten - aber kein Wort von den Kontrabässen. Da ist was dran. Die großen Jungs unter den Streichinstrumenten werden viel zu häufig als gegeben hingenommen. Man bemerkt sie erst, wenn sie fehlen - oder wenn sie falsch spielen. Aber genau das ist bei Alexander Kisch und seinen beiden mit nach Japan gereisten Kollegen eben viel zu selten der Fall. Daher bleiben sie meist unbeachtet. Ungerecht ist das natürlich trotzdem. Und Kontrabassisten sind da sensibel - Patrick Süskind hat ein komplettes Theaterstück damit gefüllt.

Generalprobe in Kyoto mit den drei Philharmonie- Kontrabassisten
Dabei hat schon Gioseffo Zarlino, der wichtigste Musiktheoretiker des 16. Jahrhunderts, auf die Bedeutung des Basses für die Musik hingewiesen, indem er die vier Stimmen Bass, Tenor, Alt und Sopran den vier Elementen zugeordnet hat. Dem Bass kommt natürlich die Rolle der Erde zu - und damit die des Fundaments, auf dem alles aufbaut. Etymologisch gesehen hängt der “Bass” ja auch mit “Basis” zusammen. Mit anderen Worten: ohne den Bass geht nichts und ohne Kontrabässe hinge selbst Mozart in der Luft. Der Kontrabass klingt zwar tiefer als andere Instrumente, dennoch kann sein Pizzicato die Musik tänzeln lassen wie eine Feder. Und wenn die Kontrabässe chromatisch grollen, beginnt die Musik zu zittern. Der Kontrabass kann anderen Instrumenten erst das rechte Volumen geben, aber er kann sich auch selbstständig machen. Nicht umsonst hat Chefdirigent Vassilis Christopoulos für die Mozart-Programme in Japan die sogenannte “deutsche Aufstellung” gewählt. Und das bedeutet eben nicht nur, dass sich die ersten und zweiten Geigen gegenüber sitzen, sondern auch, dass die Kontrabässe links stehen und damit den ersten Geigen zugeordnet sind - um diesen ein Fundament zu geben, wie Christopoulos sagt. Die Kontrabässe sind eben sehr wichtig.
Text und Bilder: Elisabeth Schwind
Nach wie vor faszinieren mich die japanische Akkuratesse und der ausgeprägte Sinn der Japaner für Ordnung und Regeln. Noch im größten Trubel stehen sie in einer Schlange links auf der Rolltreppe und überholen rechts (in Japan herrscht Linksverkehr). Sie bilden Schlangen vor Ticketautomaten, vor Museen, vor der Toilette. Und selbst die Armen bei der allwöchentlichen Suppenküche im Tokyoter Ueno Park treten brav im Gänsemarsch an.

Und sollte mal jemand aus der Reihe tanzen, so wird er sofort gewiss höflich aber bestimmt darauf aufmerksam gemacht, wie er zu spuren hat. Eigentlich gelten ja die Engländer als Volk der Schlangensteher, aber in Japan wird die Art und Weise der Schlangenbildung bisweilen sogar per Schild geregelt.

Auch andere Völker könnten noch von den Japanern lernen. Beispielsweise die Schweizer, denen ein Sinn für Sauberkeit nachgesagt wird. Aber die Schweizer haben auch keine 30-Millionen-Stadt in ihrem Land, die sie sauber halten müssen. Das macht manches einfacher. Im Moloch Tokyo jedenfalls findet man keinen Hundkot auf der Straße, ja nicht mal Zigarettenkippen. Öffentliche Papierkörbe sind übrigens ebenfalls eine Rarität. Der Japaner produziert entweder keinen Müll oder er nimmt ihn brav mit nach Hause. In Anbetracht der zahllosen Fast-Food-Ketten trifft wohl eher letzteres zu. Rund um den Kaiserpalast sind sogar die Parkbänke ausdrücklich als Nichtraucherbänke ausgewiesen.

Philharmonie-Geigerin Mihaela Vasilescu hat die Nichtraucherbänke entdeckt.
Und wo wir schon bei den Abfällen und den Exkrementen sind: Die Japaner haben die Toilette perfektioniert. Wo die Vorteile liegen, wenn der Klodeckel selbsttätig auf- oder die Spülung unaufgefordert angeht, warum die Klobrille angewärmt sein sollte oder beim Abziehen gleich auch das Wasser zum Händewaschen zu laufen beginnt, weiß ich zwar nicht, aber ich bewundere die Japaner zutiefst für ihre Kreativität, mit der sie aus dem stillen Örtchen einen Triumph der Technik gemacht haben.

Japaner bewahren stets Haltung. Der Straßenverkehr verläuft selbst in Tokyo erstaunlich ruhig und geordnet, die gar nicht mal so wenigen Radfahrer benötigen keine Klingel, weil sie noch den unaufmerksamsten Fußgänger vor sich mit buddhistischem Gleichmut gewähren lassen und lieber im Slalom fahren, als irgendjemanden anzuraunzen. Und noch die Pose beim touristischen Fotoshooting zeigt den japanischen Sinn für Anstand und Ordnung.

Manchmal allerdings, auch das sei hier nicht verschweigen, kann ich mir auf das, was die Japaner so tun, keinen Reim machen. Warum etwa ziehen sie ihren Hündchen Kleidung an und fahren sie in Kinderwägen oder Fahrradkörben spazieren? Warum binden sich die Frauen dieselben Schleifen ins Haar, die auch ihre Hündchen tragen?

Warum finden es Japanerinnen toll, wie Plastikpuppen auszusehen und woher kommt dieser Reflex zum Peace-Zeichen, sobald die Kamera auf sie gerichtet wird?

Warum schlafen Japaner so gerne öffentlich, vor allem im Park, durchaus aber auch im Auto?


Warum lassen sich Japaner von den Touristen buchstäblich vor den Karren spannen?

Warum binden sie den Tierfiguren vor ihren Tempeln Lätzchen um?

Und wo hat die Japanerin mitten in einer winzigen Sake-Kneipe plötzlich dieses “München-Spaten-Bier”-Fähnchen her?

Übrigens kann die Kommunikation an dieser Stelle wieder einen Anknüpfungspunkt finden. Das Wort “Bier” verstehen die Japaner auf jeden Fall, weil es in ihrer Sprache so ähnlich klingt. Außerdem sind die Japaner recht trinkfest, und auch wenn sie das deutsche Englisch nicht verstehen und uns das japansche Englisch, sofern es überhaupt vorhanden ist, ebenfalls unverständlich bleibt, so kann man doch viel Spaß miteinander haben. Prost und Kanpai!

Text: Elisabeth Schwind; Bilder: Elisabeth Schwind/Judith Grosch
In Tokyo ist es eng. Und deswegen wohnen nicht nur die Menschen in Hochhäusern, auch die Konzerträume müssen sich mit irgendwelchen unscheinbaren Plätzchen zufrieden geben. Die Sumida Triphony Hall zum Beispiel wird man im Straßenbild als Konzerthaus kaum wahrnehmen. Kein Vorplatz, nichts Repräsentatives ist da zu sehen. Nur eine Rolltreppe und davor ein Schild, das nach oben weist.

Von außen ahnt man kaum, welche Oase sich im Innern befindet. Eine Oase der Musik. Am schönsten allerdings sind diese Oasen, wenn sie noch leer sind. Dann, wenn man die Erhabenheit des Raums genießen kann und den Klang, der ihn abends erfüllen wird, erst erahnt. Stunden vor dem Konzert. Nur die Bühnenarbeiter sind da, einige Techniker vielleicht, und dann natürlich das Orchester, das sich in einer Probe mit den Eigenheiten des Saals vertraut macht. Noch ist auch der Zuschauerraum bis auf ein paar versprengte Menschen leer.

Natürlich wäre es fatal, wenn es abends so leer bliebe. Da hatte die Südwestdeutsche Philharmonie Glück. Es sah ganz so aus, als hätte sich in Tokyo herum gesprochen, dass Besuch aus Konstanz da war. Jedenfalls kamen zu den drei Konzerten, die die Philharmonie in der Sumida Triphony Hall gab, Abend für Abend mehr Menschen. Erst 1000, dann 1200, schießlich 1300. Ein angenehmes Gefühl.

Die Philharmonie nimmt den Applaus entgegen. Bild: K. Miura/Sumida Triphony Hall
Und erst recht der mehr als herzliche Applaus für das Orchester. Blumen und Geschenke kamen in den Orchestergarderoben an - besonders für die japanischen Musiker und Musikerinnen im Orchester, die zu Hause ganz besonders willkommen geheißen wurden. Und alle waren begeistert von der zuvorkommenden Leitung und Organisation im Haus. Aber so sind sie eben, die Japaner. In puncto Höflichkeit vermutlich nicht zu toppen.

Herr Nishida, Leiter der Sumida Triphony Hall, und SWP-Intendant Florian Riem
Die drei Konzerte in der Sumida Triphony Hall waren das Herzstück der Konzertreise gewesen. An drei Abenden hintereinander spielte die Philharmonie einen Zyklus der 12 späten Mozart-Sinfonien. Das war der ausdrückliche Wunsch der Konzerthaus-Leitung gewesen. Die Sumida Triphony Hall ist in Tokyo bekannt für ihre thematisch konzipierten Programme. 12 unterschiedliche Werke an drei Abenden - das war eine Herausforderung, wie Chefdirigent Vassilis Christopoulos in seinen Dankesworten noch einmal betonte. Aber das Orchester hat seine Sache sehr gut gemacht - noch nie habe es so gut gespielt, wie in diesen Tagen, lobte der Chefdirigent seine Musiker.
Hier warten sie noch auf den letzten ihrer drei Auftritte in der Sumida Triphony Hall: 
Im Backstagebereich hängen auch die Artikel aus den japanischen Zeitungen. Lesen kann die zwar fast niemand von den Musikern, aber man erkennt den Chefdirigenten auf den Bildern. Und so viel Presse macht halt schon auch Eindruck.

Schließlich durfte sich das Orchester auch in der Galerie der Signaturen verewigen, die das Haus an den Wänden Backstage aufgehängt hat.

Hier reiht es sich nun ein zwischen so berühmte Dirigenten und Solisten wie Martha Argerich, Vladimir Ashkenazy oder Seiji Ozawa.

Text und Bilder (soweit nicht anders vermerkt): Elisabeth Schwind
Chefdirigent Vassilis Christopoulos hat das japanische Publikum heute in einem Gespräch zum dizipliniertesten und aufmerksamsten Publikum der Welt und die japanischen Konzertsäle zu den besten überhaupt gekürt. Deshalb, sagt er, sei es so wichtig für die Südwestdeutsche Philharmonie, hier zu sein. Nach dem zweiten Konzert, diesmal in der Sumida Triphony Hall in Tokyo, lassen sich jedenfalls keine Gegenbeweise zu Christopoulos’ These ausmachen. Ähnlich wie gestern in Sapporo kommen rund tausend Leute, um sich das Konzert anzuhören und reagieren wieder ähnlich begeistert. Für das Orchester ist das eine schöne Bestätigung, denn der heutige Tag war anstrengend.
Schon um acht Uhr startete der Bus von Sapporo in Richtung Flughafen - in Anbetracht dessen, dass die siebenstündige Zeitverschiebung nach vorne noch nicht ganz verdaut ist, ist das eine fast unmenschlich frühe Zeit. Freunde zu Hause waren gerade dabei, ins Bett zu gehen, als wir aufstehen mussten. Von Sapporo ging es geradewegs ins etwa 2000 Kilometer weiter südlich gelegene Tokyo, das uns nach dem Sonnenschein in Sapporo leider mit schwül-trübem Wetter empfing. Aber zumindest in den Außenbezirken sieht man zwischen den Hochhausschluchten immer auch wieder Wasser:

Vom Bus aus ging es mitsamt Gepäck geradewegs in die Sumida Triphony Hall, wo dann nachmittags die Generalprobe stattfand. Anders als in Sapporo ist die Sumida Triphony Hall nach dem Schuhschachtelprinzip gebaut. Aber auch sie klingt sehr gut - und überhaupt ist die Frage nach dem einen oder dem anderen Raumaufbau ohnehin vor allem eine Glaubensfrage.

Bühnenaufbau in der Sumida Triphony Hall

Generalprobe in der Sumida Triphony Hall
Hier in Tokyo gibt die Südwestdeutsche Philharmonie drei Konzerte hintereinander. Auf dem Programm stehen die letzten 12 Sinfonien von Mozart - ein Wunsch der hiesigen Veranstalter, der unterstreicht, dass man ein deutsches Orchester am liebsten mit deutsch-österreichischem Programm bei sich begrüßt. Für das Orchester ist das durchaus eine Herausforderung: Normalerweise wird auf einer Tournee mehr oder weniger dasselbe Programm wiederholt. Hier stehen nun jeden Abend wieder andere Stücke auf dem Programm.

Konzertplakat in Tokyo
Nach dem Konzert muss Christopoulos noch zur Autogrammstunde antreten - ein offenbar übliches Ritual in Japan: Im Foyer bildet sich eine Schlange, die diszipliniert und geduldig darauf wartet, bis ihr Star zur Autogrammstunde erscheint. Immerhin sind auf diese Art und Weise einige Exemplare der neuen CD der Philharmonie mit der Jupiter-Sinfonie und der Sinfonie Nr. 39 verkauft worden.

Text und Bilder: Elisabeth Schwind
Das Konzerthaus in Sapporo heißt nicht einfach nur Sapporo Concert Hall, es trägt zudem den schönen Namen Kitara. Der Begriff spielt mit zweierlei Assoziationen, er erinnert an das griechische Wort für Gitarre, zugleich aber auch an das japanische Wort für Norden (”Kita”). Kitara ist also ein Ort der Musik im Norden Japans. Das Haus wurde Mitte der Neunziger gebaut und ist ein durchaus ansehnliches Gebäude. 
Heute war endlich der Tag gekommen, an dem die Südwestdeutsche Philharmonie hier ihr Konzert geben würde. Manche der Musiker haben bereits bei anderen Gelegenheiten hier gespielt - und wussten durchweg Gutes zu berichten. Schöner Saal, tolle Akustik. Tatsächlich ist der Saal, ähnlich wie die Berliner Philharmonie, nach dem Weinberg-Prinzip gebaut, das heißt, dass das Auditorium rund um die Bühne angeordnet ist. Und obwohl der Raum für 2000 Leute ausgelegt und damit nicht ganz klein ist, fühlt man sich hier sofort wohl. “Wir würden ihn eins zu eins mit nach Konstanz nehmen”, witzelt Philharmonie-Intendant Florian Riem. ” Dann braucht es auch keinen teuren Architekten”. Der Schmerz über den enttäuschenden Ausgang der Konzerthaus-Entscheidung in Konstanz bricht sich hier und da noch seine Bahn. Da ist tröstlich, auch mal in einem “richtigen” Saal zu spielen.

Die Südwestdeutsche Philharmonie bei der Generalprobe in der Kitara Sapporo Concert Hall
Natürlich weiß in Japan kaum jemand, wer oder was Konstanz ist. Und die Südwestdeutsche Philharmonie kann nicht, wie die Berliner oder die Wiener Philharmoniker, durch die bloße Erwähnung ihres Namens einen 2000-Leute-Saal voll machen. Umso erstaunlicher, dass rund 1000 Besucher in die Kitara Hall kommen, um das Konzert der “Southwest German Philharmonic” zu hören. Auf dem Programm stehen mit Mozarts großer g-Moll-Sinfonie, der Jupiter-Sinfonie und dem Klavierkonzert Nr. 26 in D-Dur drei gewichtige und beliebte Werke auf dem Programm. Offenbar trauen die Japaner dem deutschen Orchester zu, einen stilechten Mozart abzuliefern.

Programmheft der Japantour
Und das tun sie schließlich auch. Nicht nur, weil Chefdirigent Vassilis Christopoulos mit der sogenanten “historischen Aufführungspraxis” liebäugelt (ventillose Hörner und Trompeten sind im Einsatz, die Streicher spielen möglichst ohne Vibrato), sondern auch, weil dieser Mozart so frisch, lebendig und enthusiastisch klingt, als hätte auch er diesen Raum gerade für sich entdeckt. Für die Musiker ist die akustische Situation zunächst zwar durchaus ungewohnt, aber das Ergebnis spricht für sich.

Dirigent Vassilis Christopoulos im musikalischen Dialog mit der Solistin Mona Asuka Ott
Und das japanische Pubikum? Das applaudiert kräftig, die Hände weit oben, manche stehen von den Plätzen auf und rufen “bravo” - gemessen an der japanischen Zurückhaltung darf man das wohl als enthusiastisch bezeichnen. Die Japaner sind darüber hinaus ein diszipliniertes und konzentriertes Publikum, das sämtliche Rituale des europäischen Konzerts übernommen hat: Man hört ruhig zu, spricht nicht während der Konzerts und klatscht nicht zwischen den Sätzen. Unterschiede zu einem deutschen Konzertpublikum sind da kaum auszumachen - höchstens, dass sich die Japaner tendenziell legerer kleiden und gegebenenfalls auch mit Mundschutz ins Konzert kommen. Das tun sie allerdings gerne auch auf der Straße - ob sie dabei andere vor der eigenen Erkältung schützen wollen oder selbst Angst vor einer Ansteckung haben, wer weiß es.

Nach dem Konzert dann konnte man einen gelösten Chefdirigenten treffen, der sich ganz besonders über den Applaus freute. Denn der habe in diesem Raum so schön geklungen, so rund und weich.
Text und Bilder: Elisabeth Schwind
Endlich ist klar, warum die Japaner in Europa auf ihren Sightseeing-Touren immer mit der Kamera vorm Gesicht durch die Welt laufen. Es muss ihnen so gehen wie uns in Japan. Die Vielfalt der Eindrücke ist enorm. Die Farben, die Bilder und natürlich vor allem die Beschriftungen - alles ist fremd, selbst das Bekannte wie U-Bahnen, Kioske oder Fastfoodketten. Da muss man einfach andauernd Fotos machen.



Steht man schließlich im U-Bahnhof vor dem Ticket-Automaten, fühlt man sich schnell hilflos. Welche Taste muss ich drücken? Was werfe ich ein?

Hin und wieder helfen englische Beschriftungen weiter. Doch verlassen kann man sich darauf keineswegs. Ebensowenig darauf, sich mit Englisch überall verständlich machen zu können. Am besten, man hat eine sprachkundige Begleitung, wenn man auf Entdeckungstour geht. Da zahlt sich der Nationalitätenreichtum der Südwestdeutschen Philharmonie aus. Die beiden japanischen Musiker Kyoko Tanino und Yuji Mori haben dieser Tage allerhand zu tun. Und sei es nur, dass sie ihre Landsleute mal nach dem Weg fragen können.

Kyoko Tanino (links) fragt nach dem Weg



Klein Paris?



Kitsch für Mädchen




Endlich in Sapporo, endlich am Start der Konzertreise. Hier im kühlen Norden Japans gibt die Südwestdeutsche Philharmonie am Montag, 7. Juni ihr erstes von insgesamt sieben Konzerten auf dieser Japantournee. Für manche der Musiker ist es das erste Mal in Japan, andere waren schon dort. Und natürlich gibt es auch einige japanische Musiker im Orchester, für die die Tournee eine Art Heimspiel sein wird.
Die Stimmung war gut, als wir von Zürich aufgebrochen sind. Und am Check-in lief alles, wie es sein sollte: reibungslos.

Check in Zürich
Und damit auch wirklich alle wussten, wohin es gehen sollte, trug einer der Musiker das Reiseziel auf seinem T-Shirt spazieren:

Japan-T-Shirt
Andere Musiker zogen einen Aufkleber vor, der speziell für die Japantournee der Philharmonie angefertigt war. Und wie man sieht, freut sich auch Chefdirigent Vassilis Christopoulos über die anstehende Reise oder über die Aufkleber, vermutlich über beides.

Tourneeaufkleber
Die Flüge verliefen ohne böse Überraschungen. Dass die Cellisten für ihr Instrument einen eigenen Platz buchen müssen, ist für sie nichts neues. Das ist bei jeder Konzertreise mit dem Flieger so. Das Cello wird also auf dem Nachbarsitz angegurtet und bleibt dort in der Regel brav sitzen.

angeschnallte Celli
26 Stunden sind schon eine ganz schön lange Zeit. So viel Zeit war nötig, um von Konstanz nach Sapporo zu kommen. Zunächst ging es von Zürich mit den komfortablen Emirate Airlines nach Dubai, wo selbst die Flughafenuhren von Rolex sind:

Eigentlich hätte an dieser Stelle jetzt ein Foto von den Instrumenten folgen sollen, die beim Security-Check aufs Fließband gelegt werden mussten. Doch kaum hatte ich den Auslöser gedrückt, schossen zwei finstere Security-Männer auf mich zu, das Wort “forbidden” im Blick und auf der Zunge. Die bereits geschossenen Fotos musste ich wieder löschen - unter strenger Aufsicht. Nagut, wird schon seinen Sinn gehabt haben.
Von Dubai aus starteten wir spätnachts nach Osaka. Der Rest der Nacht ging dabei irgendwie verloren. Als wir in Osaka ausstiegen, war es bereits 17.30 Uhr. Japan hat sieben Stunden Vorsprung gegenüber Deutschland. Dann wurde es doch noch für einen Moment lang spannend, denn in Osaka war unklar, ob wir den Anschlussflug nach Sapporro noch bekommen würden. Die Zeit war knapp, da wir komplett aus- und wieder einchecken mussten. Auch die Kontrabässe, die im Gepäck mitreisen, mussten nochmal neu aufgegeben werden.

Die Passkontrolle bei der Einreise nach Japan ist keine Frage leicht absolvierter Sekunden. Schon das Englisch des japanischen Zollbeamten ist eine Herausforderung - und fragende Blicke werden mit der Gegenfrage quittiert, ob man wohl kein Englisch verstehe… Letztlich erwies sich der Ablauf am Flughafen allerding als top durchorganisiert. An jeder denkbaren Ecke stand jemand, der uns den Weg wies. Und zwar ohne, dass wir fragten, wohin wir wollten. Sie wussten es einfach. “Das ist Japan”, sagte mir einer der japanischen Musiker.
Der Flug von Osaka nach Saporro war mit knapp zwei Stunden schließlich nur noch ein Klacks. Aber im Bus vom Flughafen zum Hotel herrschte dann doch überwiegend müdes Schweigen - und Erleichterung, als endlich das Hotel auftauchte. Nun müssen wir alle erst einmal schlafen. Morgen gehen wir die Stadt erkunden. In Sapporro, heißt es, gebe es viele Brauereien. Saporro ist quasi das Bayern der Japaner. Wenn das kein Versprechen ist.
Text und Bilder: Elisabeth Schwind
